Mittwoch, 18. Februar 2015

„Die Waffen nieder“

Das hatte sich die noble und alte Familie Kinsky anders vorgestellt: Anstatt eine gute Partie zu machen, setzte die junge Komtesse Bertha Kinsky alles auf eine Liebesheirat. Das bescheidene Vermögen der Mutter löste sich na dis na in Luft auf (der Vater war schon vor der Geburt seines einzigen Kindes gestorben) und Bertha  stand ohne Einkommen und Arbeit da.
Bertha von Suttner 1843-1914




Die ebenfalls noble Familie der Suttner nahm sie als Gouvernante auf. Doch Berthas Engagement währte nicht lange. Denn schon bald verliebten sich die 30- jährige Komtesse und Arthur, der Sohn des Hauses. Als ihre Beziehung aufflog, musste Bertha das Haus verlassen. 
Bei Alfred Nobel, dem Begründer des Preises mit demselben Namen, fand Bertha eine Stelle als Sekretärin.

Alfred Nobel war von der Idee angetrieben, ein Explosiv zu kreieren, das eine so zerstörerische Kraft habe, dass sämtliche Kriege unmöglich würden. Bertha fand diese Idee wenig praktikabel und soll Nobel vorgeschlagen haben, er könne stattdessen einen Friedenspreis gründen. Just diesen Preis bekam sie 1905 als erste Frau für ihr Engagement für den Frieden.
Aber alles der Reihe nach: Da Arthur nicht ohne die Komtesse leben konnte, wie er schrieb, heirateten die Zwei schließlich ohne das Einverständnis der Familie. Die nächsten Jahre verbrachten sie daher ganz auf sich gestellt im Kaukasus. In der Abgeschiedenheit begann das Ehepaar zu schreiben.

Bertha schrieb für österreichische Zeitungen Essays und Kurzgeschichten, ihr Mann Kriegsberichte.    1885 versöhnte sich das Ehepaar mit der Familie und kehrte nach Wien zurück. Bertha blieb journalistisch tätig und verschrieb sich dem Pazifismus. Ihr Engagement für eine kriegsbefreite Welt war vielfältig. So rief Sie z. B in der „Freien neuen Presse“ mit einem Artikel zur Gründung einer östereichischen Friedensgesellschaft auf, deren erste Präsidentin sie wurde. Sie war sowohl bei der ersten internationalen Friedenskonferenz in Den Haag anwesend als auch bei der Zweiten. Ab 1912 machte sie auf die Gefahr eines internationalen Vernichtungskrieges aufmerksam.

Doch von ihrem Engagement für den Frieden hatte wohl der Roman „die Waffen nieder“, den sie 1886 veröffentlichte, den grössten Impakt. Als sie 1905 den Friedensnobelpreis erhielt, war das Buch schon in 37 verschiedenen Ausgaben und 16 verschiedenen Sprachen erhältlich. Die Zeitgenossen verglichen den Roman gerne mit dem „Haus von Onkel Tom“ von Harriet Beecher Stowe, das einen wichtigen Anstoss zur Abschaffung der Sklaverei gegeben hatte. Tolstoi schrieb der Komtesse „dem berühmten Buch einer Frau, Frau Beecher Stove, folgte die Abschaffung der Sklaverei; möge ihrem Buch die Abschaffung des Krieges folgen“.

„Die Waffen nieder“ beschriebt die Schrecken des Krieges aus der Sicht einer Ehefrau und traf damit den Nerv der Gesellschaft, die zu dieser Zeit in heftigsten Diskussionen über den Militarismus und den Krieg begriffen war.

Bertha war selbst nie Zeugin von Kriegshandlungen. Aber sie betrieb ein intensives Studium des Krieges: Sie lass Geschichtsbücher genauso wie Berichte von Kriegskorrespondenten und Militärärzten und führte Gespräche mit Überlebenden. Dabei, erzählt sie, habe sich die Abscheu, die sie gegenüber dem Krieg empfunden hatte, in einen tiefen Schmerz verwandelt. Mit grossem Mitgefühl habe sie das Leiden miterlebt, durch das sie ihre Heldin im Buch gehen liess.

Frauen waren die grosse Mehrheit von Suttners Publikum. Gerade das Friedensthema sprach Sie sehr an. Doch für die Pazifistin war klar, dass der Einsatz für eine freidlichere Welt eine gemeinsame Aufgabe von Frau und Mann war. Nur die Zusammenarbeit beider Geschlechter im gleichen Rhythmus und gleichberechtigt, könne zu einem nobleren Menschen führen. 

Bertha von Suttner starb am 21. Juni 1014 einen Monat vor Ausbruch des ersten Weltkrieges, von dem sie so oft gewarnt hatte.

Quelle: Bollmann, Stefan: Les femmes qui lisent sont dangereuses, 2012 München.
(Originaltitel: Frauen, die denken sind gefährlich und stark)

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